MATERIE

In meiner Wohnung gibt es Dinge - Gegenstände: Geschenke, Erinnerungsstücke, Artefakte. Dinge, die in mein Leben gekommen sind, die ich in mein Leben gebracht oder gelassen habe, die ich seitdem von Ort zu Ort mitgenommen habe und bei mir wohnen lasse.

Es sind Puzzelteile, die für Etappen in meinem Leben stehen; für Momente, die ich erlebt, für Entscheidungen die ich getroffen habe; für Orte, an denen ich verweilt bin; für Wege, die ich genommen habe und für Menschen die meinen Weg gekreuzt oder sogar begleitet haben.

Sie stehen auf meinem Fensterbrett, an meinem Waschbecken, im Regal, unter dem Bett und in Nischen, sind sichtbar oder aber gut aufbewahrt: verpackt in Gläsern, Kästchen und Schachteln, archiviert oder wild durcheinander. Auf den ersten Blick sichtbar oder nicht, sie sind greifbar, für mich und andere Menschen, die in mein Leben treten.

In den letzten Monaten habe ich jeden Gegenstand in meinen Händen gehalten, mich seiner Herkunft und seiner Bedeutung [versucht] zu erinnern. Ich hätte dabei eine Inventarliste anlegen können, aber das habe ich mir dann doch gespart, denn alles was hier ist, ist auch nicht alles.

Über die Jahre sind Dinge verloren oder zu Bruch gegangen, oder ich habe sie weitergegeben, habe sie ausgesetzt, oder aber, sie waren niemals existent in greifbarer Form, waren Ideen, bewegte Bilder, Töne, Momente [...]. Doch die gibt es auch noch. Gespeichert.

Diese Sammlung verknüpft und verweist auf beides: das Sichtbare mit unsichtbaren Ideen, das Greifbare mit dem Flüchtigem. Eines aber wird sie nie sein: Sie ist nicht komplett, bleibt stets eine offen Annäherung mit Lücken und Leerstellen.

Trotz all der dunklen Flecken, entsteht dabei eine Karte, meine Karte, ein Abziehbild meiner Welt, in der andere zwar einen Blick werfen können, durchs Schlüsselloch, doch ist sie wahrscheinlich letztendlich nur für mich vollständig entschlüssel- und lesbar [?]. Zumindest bin ich dabei sie zu begreifen.

     

Auf meiner Karte gibt es viele Punkte und immer neue kommen dazu. Es sind aber keine Orte, sondern Begriffe. Die habe ich auf dem Weg gefunden, sie lagen einfach am Boden herum; manchmal bin ich auch darüber gestolpert, andere habe ich gesucht und gefunden und nicht selten zog ein Wort das nächste und das nächste und das nächste hinter sich her.

Worte sind Magie. Sie öffnen Türen zu verschiedenen Räumen, in denen sich Gedanken befinden und bewegen. Sie bennenen Dinge, machen sie lebendig. Mit ihnen gestalte ich meine Welt. Und aus vielen Worten entsteht eine Sprache. Mit meiner Sprache sprechen, das Äußerste.

Vor ein paar Monaten lag ich mit geschlossenen Augen in einem dunklen Raum. Neben mir andere Menschen und eine Stimme, die uns auf eine Reise mitnahm. Wir sollten zurückgehen, Schritt für Schritt durch die Zeit und uns erinnern, an Situationen, in denen wir gelernt hatten.

Unsere Eindrücke hinterließen wir auf Papier. Mit dickem, rotem Stift zeichnete ich Linien, die sich verästelten, verbanden, kreuzten, verknüpften und unterbrachen, die sich wellig ausbreiteten und immer dichter wurden; wie rote Fäden, die ein Gewebe ergeben. Und ich muss an dieses eine Bild denken von dem Turm, den Frauen und wie sie die Welt weben, die durch die schmalen Fenster des Turms nach außen quillt.

 

RAUM

[0,0,0,0] ist mein Ausgangspunkt, ist meine Welt, in der wohl komprimiertesten greifbaren Form, meiner Wohnung.

Meine Welt ist auch nur eine von vielen und sie alle stehen nicht wie die Perlen einer Kette hart konturiert nebeneinander. Sie berühren sich, mal mehr mal weniger und nicht nur an einzelnen Stellen, sind organische, wabernde Gebilde, die sich überlappen können, die sich ineinander schieben und wieder entfernen.

Mein Zimmer hat zwei Fenster und eine Türe, aber eigentlich ist das falsch. In meinen Zimmer gibt es unzählige Fenster und Türen. Einige kenne ich und andere habe ich noch gar nicht wahrgenommen. Sie sind Portale in andere Welten. Und geht man hindurch, entsteht Austausch. Multilog.

 

 

 

 

 

 

 

Berlin, 2017